2023-02-08

Der Ski-Flüsterer

Der Blick in den Skikeller gibt ein imposantes Bild ab: Fein säuberlich aufgereiht stehen sie da, die Ski von Marco Odermatt. Mit welchen er seine Rennen an der WM bestreiten wird, ist noch nicht klar. Doch klar ist, die Auswahl ist gross. Und einer ist dafür verantwortlich, dass sie alle richtig schnell sind: Christian «Chris» Lödler, seit fast sieben Jahren Servicemann von Marco Odermatt.

Der Ski-Flüsterer

Zugegeben, wenn man Chris so bei der Arbeit zusieht, hat es nicht so viel mit flüstern zu tun. Gerade kümmert er sich um die Abfahrtsski. Feilen, Schleifen, Wachsen, Schrauben. 15 Paar hat er alleine für diese Disziplin mit dabei. «In der Regel sind es pro Disziplin rund 10 Paar Ski. Hier an der WM sogar noch etwas mehr, weil man mehr Zeit hat zum Testen vor Ort und so die beste Abstimmung zu finden». Zudem sind es die wichtigsten Rennen der Saison, da soll erst recht nichts dem Zufall überlassen werden. Nimmt man Riesenslalom und Super-G noch dazu, blickt man hier also auf rund 50 Paar Ski. Wie gesagt ein eindrücklicher Anblick. Und damit ist auch klar: Langweilig wird es Chris so schnell nicht.

Wer jetzt aber denkt, Chris stehe 20 Stunden am Tag im Skikeller, der irrt sich. «Natürlich gibt es Tage, an denen ich nicht viel Tageslicht sehe» meint Chris etwas ironisch. «Doch die Arbeit auf dem Schnee ist ebenso wichtig.» Dazu gehören z.B. letzte Feinarbeiten an den Ski, Feedbacks von Marco einzuholen oder sich selbst ein Bild von den Schneeverhältnissen zu machen.

Und dass immer für drei verschiedene Disziplinen. Welches denn die Aufwändigste ist, kann Chris nicht so genau sagen. «Im Speed-Bereich haben wir jeweils nur wenige Trainings im Sommer. Das bedeutet dann mehr Arbeit im Winter. Für den Riesenslalom können wir im Sommer bereits viel testen, da geht es dann noch um die Feinabstimmung von Rennen zu Rennen.»

Und da geht es auch mal ziemlich spontan zu und her. Für einen Renntag bereitet Chris immer mehrere Ski vor. In der Früh geht er mit auf die Besichtigung. Nicht nur, um die Verhältnisse zu checken, sondern auch um Marco zu spüren. Wie geht es ihm heute? Wie fühlt er sich? Anschliessend wählen sie zusammen ein Skimodell aus. «Marco ist da zum Glück sehr entscheidungsfreudig. Das erleichtert meine Arbeit und er kann seine ganze Energie ins Wesentliche stecken, nämlich schnell skizufahren.» Dann geht es ab in den Skikeller für den letzten Schliff. «Alles, was jetzt passiert, ist absolute Geheimsache» meint Chris mit einem Augenzwinkern. Hier kommen wir dann wohl auch dem «Flüstern» etwas näher.

Was aber auch immer deutlicher wird, ist die Wichtigkeit der persönlichen Beziehung zwischen Servicemann und Athlet. «Das Knowhow im Skikeller ist das eine. Doch muss man auch den Athleten dahinter gut kennen, um die Ski ideal präparieren zu können.» Auch da weiss Chris, wovon er spricht. Seit 12 Jahren ist er Servicemann bei Stöckli. Erst von Fabienne Suter, dann von Viktoria Rebensburg. Und nun eben von Marco Odermatt. Man muss sich jedes Mal wieder neu kennen lernen. Und dies in Sachen Technik und Fahrstil, aber eben auch auf persönlicher Ebene. «Das Material soll dem Fahrer Sicherheit und Vertrauen geben. Nur so kann das volle Potenzial ausgeschöpft werden.»

Doch eben, Zeit dazu bleibt nur wenig. Ein paar Tests im Sommer, dann muss es eigentlich schon passen. Dass es also mit Marco von Anfang an so gut funktioniert hat, ist ein absoluter Glücksfall. Oder etwa doch nicht? «Glück war, dass Marco und ich zur gleichen Zeit bei Stöckli waren» so Chris. «Der Rest ist das Resultat aus einer guten Chemie, gegenseitigem Vertrauen und harter Arbeit.»

Harte Arbeit, die auch in der siebten Saison zusammen beharrlich weitergeführt wird. Genau, seit der Saison 2016/17 ist Chris der Servicemann von Marco Odermatt, begleitet ihn auf seinem Weg. Ein Weg, der kontinuierlich aufwärts ging in Richtung Weltspitze. Das macht Chris natürlich stolz. «Am meisten freue ich mich über diese Entwicklung, die wir zusammen gemacht haben. Von den Weltmeistertiteln bei den Junioren, über das Etablieren im Weltcup bis zum Olympiasieg und dem Gewinn des Gesamtweltcups in der letzten Saison.» Und jetzt sind sie also am Ende ihrer gemeinsamen Ziele? Mitnichten! «Wir wollen dieses hohe Level halten und insbesondere in der Abfahrt noch weitere Fortschritte machen.» Wer weiss, vielleicht funktioniert es ja bereits bei der WM mit dem nächsten Schritt. Eins ist klar, am Einsatz von Chris wird es sicher nicht scheitern.

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